
Räume
Ein Raum am Vormittag
Ein saniertes Backsteingebäude in Fechenheim, aufgenommen zwischen acht und elf Uhr. Ziegel, rauer Estrich und ein Fenster, das alles trägt.
Bevor ich ein Gebäude fotografiere, gehe ich zweimal hindurch, ohne eine Kamera mitzunehmen. Beim ersten Mal schaue ich mir an, wie die Räume liegen und wo die Erschliessung verläuft. Beim zweiten Mal notiere ich die Uhrzeiten. In diesem Haus war die Sache nach einer halben Stunde klar: Der Bau hat Fenster nach Osten und nach Westen, und die Ostseite bekommt zwischen Viertel vor acht und elf Uhr ein Licht, das man nicht nachbauen kann.
Der Bau steht an einer Strasse, die noch nach Arbeit aussieht. Gegenüber eine stillgelegte Halle, daneben ein Betrieb, der Paletten repariert, ein Stück weiter der Mainbogen. Wer das Gebäude von der Strasse aus aufnimmt, muss entscheiden, ob er die Umgebung weglässt oder mitnimmt. Ich habe sie mitgenommen, weil ein Backsteinbau in einer aufgeräumten Umgebung sofort nach Immobilienanzeige aussieht.
Das Treppenhaus trägt das Haus
Die Flucht im Treppenhaus ist das einzige Bild der Serie, das ich mit einer längeren Brennweite gemacht habe, obwohl eine weitwinklige Aufnahme naheliegend gewesen wäre. Der Grund ist der Verlauf: Die Terrazzostufen und das gusseiserne Geländer führen auf ein kleines Fenster am oberen Absatz zu, und genau dort endet der Blick. Alles, was man an den Seiten wegschneidet, nimmt man aus dem Bild heraus, ohne dass es fehlt. Eine Aufnahme weiter unten im Treppenhaus mit mehr Übersicht wirkt dagegen unruhig.
Morgenlicht auf Mauerwerk
Das dritte Bild der Serie ist das, für das ich am längsten gewartet habe. Es zeigt unverputztes Ziegelmauerwerk mit Kalkmörtelfugen, zwei ausgebesserte Stellen und den Schattenriss des Fensterkreuzes. Gegen Viertel vor neun steht die Sonne so, dass der Schatten genau auf der Wand liegt. Um zehn ist er eine Handbreit weiter, um halb elf ist er weg. Ich habe an drei Vormittagen insgesamt vierzehn Aufnahmen dieser Wand gemacht; brauchbar waren vier.
Was auf solchen Bildern meistens fehlt, ist Staub. In der Luft liegt nach den Sanierungsarbeiten noch feiner Mörtelstaub, der im Lichtkegel sichtbar wird. Das ist kein Mangel, sondern der Nachweis, dass hier tatsächlich gebaut wurde. Ich habe nicht gelüftet.
Eiche auf Stahl
Der eingebaute Arbeitsbereich ist bewusst schlicht: eine massive Eichentischplatte auf zwei schwarzen Stahlböcken, eine Pendelleuchte, sonst nichts. Für die Aufnahme der Materialübergänge bin ich so nah herangegangen, dass man die überdrehte Sechskantschraube und den ersten Kratzer im Ölfinish sieht. Die Bauherrin war zunächst skeptisch, ob ein Kratzer in die Vermietungsbroschüre gehört. Ich habe argumentiert, dass eine Fläche, die nach drei Wochen noch unbenutzt aussieht, unglaubwürdig ist.
Die letzte Aufnahme entstand um elf Uhr im leersten Raum des Hauses. Rauer Estrich, weiss gekalkter Ziegel, ein Fenster, durch das man Dächer und einen Fabrikschornstein sieht. Sonst steht nichts im Raum, und das war die Regel für diesen Vormittag: Was nicht zum Bau gehört, kommt nicht ins Bild. Kein Blumenstrauss, kein Stapel Zeitschriften, kein Stuhl, der nur wegen der Aufnahme dort steht.
Bildstrecke
Sechs Aufnahmen vor elf Uhr
Vom Gebäude im Stadtteilkontext über das Treppenhaus bis zum leeren Endraum. Die Reihenfolge folgt dem Weg durchs Haus.
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Der Bau von der Strassenseite. Drei Geschosse Ziegel, dazwischen Sprossenfenster. Foto: Lukas Lindemann -
Treppenhaus, dritter Absatz. Das Geländer ist original, die Stufen sind neu. Foto: Lukas Lindemann -
Zwanzig vor neun. Das Fensterkreuz liegt als Schattenriss auf dem Ziegel. Foto: Lukas Lindemann -
Der eingebaute Arbeitsbereich. Eiche auf Stahlböcken, sonst nichts. Foto: Lukas Lindemann -
Holz auf Stahl. Die Kante hat nach drei Wochen schon die erste Schramme. Foto: Lukas Lindemann -
Elf Uhr. Der Estrich ist rau geblieben, und das Fenster ist der einzige Gegenstand im Bild. Foto: Lukas Lindemann

Sechs Bilder, die zusammen mehr sagen als jedes einzeln.
Nachweise
Die Aufnahmen entstanden im Auftrag der Bauherrschaft. Der Bau wurde 1897 als Werkstattgebäude errichtet und zwischen 2024 und 2026 saniert.
- Fotografie: Foto Lukas Lindemann
- Auftraggeber: Bauherrschaft Hallenwerk Fechenheim
- Aufnahmeort: Frankfurt-Fechenheim, zwischen Mainbogen und Hanauer Landstrasse
- Bearbeitung und Kuration: Fotostudio Arnolds