Barrierefreiheit als Handwerk
Alt-Texte für Fotografien: Was soll ein Bild erzählen?
Mira Al-Mansoor6 Min.
Barrierefreiheit als Handwerk
Alt-Texte für Fotografien: Was soll ein Bild erzählen?
Wie sinnvolle Bildbeschreibungen barrierefreie Zugänglichkeit schaffen, ohne in Keyword-Listen zu verfallen.
Ein Alt-Text ist kein Versteck für Suchbegriffe. Er beantwortet schlicht die Frage: Was verpasst jemand, der das Bild gerade nicht sehen kann? Wenn auf dem Foto eine Mitarbeiterin konzentriert ein Bauteil vermisst, schreiben wir genau das, statt fünfmal das Wort „Ingenieurbüro Frankfurt“ aneinanderzureihen.
Ich habe in den letzten Jahren mehrere hundert Alternativtexte gegengelesen, in Betrieben, bei Behörden und auf Websites von Fotografinnen und Fotografen. Die Fehler wiederholen sich in einer stabilen Reihenfolge. Dieser Beitrag geht sie durch und zeigt, was stattdessen funktioniert.
Warum das überhaupt zählt
Eine Website, die blinde oder stark sehbeeinträchtigte Menschen nicht wahrnehmen können, ist nicht schlecht gestaltet. Sie ist unvollständig gebaut, so wie ein Haus ohne Rampe, an dessen Eingang fünf Stufen führen. Der Vergleich hinkt nur in einem Punkt: Eine Rampe kostet Geld, ein brauchbarer Alt-Text kostet fünf Minuten.
Etwa eine Million Menschen in Deutschland nutzen einen Screenreader oder eine Braillezeile regelmässig, und die Zahl der Menschen, die Bilder gar nicht oder nur eingeschränkt sehen, liegt deutlich höher. Wer Bilder ohne Beschreibung veröffentlicht, liefert diesen Menschen eine Seite mit leeren Flächen. Das ist kein Randfall, sondern ein Gestaltungsfehler mit Publikum.
Der häufigste Fehler: der Keyword-Alt-Text
Beginnen wir mit dem Gegenbeispiel, weil es am schnellsten erklärt, worum es geht. Ein Betrieb lädt ein Foto seiner Werkhalle hoch und trägt ein: „Firma Müller GmbH, Zerspanungstechnik, CNC Fräsen Frankfurt, Lohnfertigung, Präzisionsteile“. Das ist keine Bildbeschreibung, sondern eine Suchmaschinenliste, und für einen Screenreader-Nutzer ergibt sie keinen Sinn.
Der Alt-Text lautet richtig: „Zwei Mitarbeiter in blauen Arbeitsjacken stehen an einer CNC-Fräse, auf der Werkbank davor liegen mehrere bearbeitete Aluminiumteile.“ Dieser Satz beschreibt, was zu sehen ist, und er hilft nebenbei auch Suchmaschinen, weil er konkret ist. Konkrete Sprache ist immer besser als eine Ansammlung von Begriffen, und das gilt für Menschen und Maschinen gleichermassen.
Der zweite Fehler: „Bild von“
Screenreader kündigen ein Bild bereits als Bild an. Wer schreibt „Bild von einem Holzstuhl am Fenster“, erzeugt die Ansage „Bild: Bild von einem Holzstuhl am Fenster“. Lassen Sie die Einleitung weg und beginnen Sie mit dem Motiv. Das gilt auch für Formulierungen wie „Hier sehen Sie“ oder „Auf diesem Foto ist zu erkennen“.
Dasselbe gilt für Dateinamen. „IMG_4471.jpg“ ist keine Beschreibung, „werkstatt-fraese-aluminium.jpg“ dagegen ist in zehn Sekunden geändert und im Notfall brauchbar.
Der dritte Fehler: Wiederholung des Bildtextes
Eine Bildunterschrift und ein Alt-Text haben unterschiedliche Aufgaben. Die Unterschrift ordnet das Bild in den Text ein und darf etwas hinzufügen, was im Bild nicht zu sehen ist. Der Alt-Text beschreibt ausschliesslich, was zu sehen ist. Die Bundesfachstelle Barrierefreiheit hat diesen Unterschied in ihrem Fachbeitrag zu Alternativtexten ausführlich dargestellt, und es lohnt sich, den Beitrag einmal vollständig zu lesen.
In der Praxis bedeutet das: Wenn eine Unterschrift lautet „Der Meister, seit einunddreissig Jahren im Betrieb“, dann ist der Alt-Text nicht dieselbe Zeile, sondern „Ein Mann mittleren Alters mit kurzem grauem Bart steht vor einem hohen Industriefenster und trägt eine Arbeitsapron mit Kratzspuren.“ Die Unterschrift erzählt etwas, das man nicht sieht. Der Alt-Text erzählt das, was man sieht.
Wann ein Alt-Text leer bleiben darf
Es gibt Bilder, die keine Information tragen, sondern nur gestalten. Eine Zierlinie, ein Hintergrundmuster, eine dekorative Randzeichnung. Solche Bilder bekommen einen leeren Alt-Text, und das ist kein Versehen, sondern die richtige Lösung. Ein Screenreader überspringt sie dann vollständig.
Die Prüffrage ist einfach: Wenn ich das Bild entferne, fehlt dann eine Information? Bei einem Porträt ja. Bei einer Zierlinie nein. Bei einer Randzeichnung, die nur eine Stimmung erzeugt, ebenfalls nein, es sei denn, die Zeichnung trägt eine Aussage, die sonst nirgends steht.
Auf dieser Website haben die kleinen Bleistiftzeichnungen in den Rändern deshalb bewusst kurze Beschreibungen. Sie sind kein Beiwerk, sondern Teil der Gestaltung.
Für Betriebe kommt ein zweiter Punkt hinzu, der vor dem Schreiben liegt. Wer Alternativtexte für Mitarbeiterfotos verfasst, muss vorher geklärt haben, ob das Bild überhaupt veröffentlicht werden darf. Die notwendigen Absprachen stehen unter Bildrechte bei Mitarbeiterfotos, und die organisatorische Seite eines solchen Tages steht unter Mitarbeiterporträts planen.
Ein Verfahren, das sich bewährt
Schreiben Sie den Alt-Text, während Sie das Bild zum ersten Mal betrachten, und nicht am Ende eines Projekts. Sie haben das Motiv dann vor Augen, und der Satz wird automatisch konkreter. Wenn Sie ein Archiv mit hundert Bildern nachträglich beschriften, werden die Texte nach dem zwanzigsten Bild gleichförmig und nach dem vierzigsten falsch.
Wer die Bilder nicht selbst gemacht hat, sollte ausserdem wissen, woher sie stammen dürfen. Warum geliehene Motive auf einer Unternehmenswebsite selten tragen, steht unter Unternehmensfotos, die nach Unternehmen aussehen, und welche Kriterien bei der Auswahl gelten, steht unter Bilder für die Unternehmenswebsite auswählen.
Halten Sie sich an eine Länge von ungefähr 80 bis 150 Zeichen. Das ist keine Vorschrift, sondern eine Beobachtung: Kürzere Texte lassen zu viel weg, längere werden selten vollständig angehört.
Und prüfen Sie zum Schluss, ob der Alt-Text für sich allein verständlich bleibt. Screenreader-Nutzer springen häufig von Bild zu Bild, ohne den umgebenden Text zu hören. Ein Text, der nur im Kontext eines Absatzes funktioniert, ist keiner.
Was das für die Bildauswahl bedeutet
Wer sich einmal mit Alternativtexten beschäftigt hat, schaut Bilder anders an. Man merkt plötzlich, welche Aufnahmen nichts zu beschreiben haben, weil nichts darauf zu erkennen ist. Ein unscharfer Händedruck im Hintergrund eines Konferenzraums ergibt keinen Satz, der jemandem hilft.
Diese Beobachtung ist der beste Filter, den ich kenne. Wenn Sie ein Bild nicht in einem Satz beschreiben können, ohne in Allgemeinplätze zu verfallen, dann trägt es auch für sehende Betrachter nichts. Wie man unter dieser Massgabe auswählt, steht unter Bilder für die Unternehmenswebsite auswählen.
Zur Barrierefreiheit gehört mehr als der Alt-Text: ausreichende Kontraste, bedienbare Elemente, eine sinnvolle Reihenfolge der Überschriften. Aber der Alt-Text ist der Teil, der am häufigsten fehlt und den ein Betrieb ohne Agentur selbst erledigen kann.
Zwei Hinweise zum Weiterlesen. Wer Menschen fotografiert, braucht dafür eine Erlaubnis, und die hängt eng mit der Frage zusammen, was ein Bild später zeigen darf. Die Grundlagen dazu stehen unter Bildrechte bei Mitarbeiterfotos. Und wer wissen möchte, wie ein Ort beschrieben werden kann, ohne in eine Aufzählung von Sehenswürdigkeiten zu verfallen, findet bei Lukas Lindemann unter Fotografieren in Fechenheim und Frankfurt ein gutes Beispiel.
Zwei Gestaltungsfragen wirken ebenfalls auf den Text ein. Was ein Bild an den Rändern zeigt und was nicht, verändert, was zu beschreiben ist; die Grundlagen dazu stehen unter Was der Bildrand verändert. Und ob eine Aufnahme bei Tageslicht oder unter Mischlicht entstanden ist, entscheidet mit darüber, was ein Betrachter im Bild überhaupt erkennen kann; dazu steht das Wesentliche unter Licht im Raum.
Wer mehrere Bilder gemeinsam beschreibt, sollte sie als Folge denken und nicht als Liste. Warum das den Text kürzer und besser macht, steht unter Warum eine Bildserie mehr erzählt.
Zum Schluss noch ein Punkt, der selten erwähnt wird. Die Frage, was ein Bild erzählt, stellt sich beim Schreiben eines Alt-Textes zum ersten Mal wirklich. Wer sie beantwortet, weiss danach meistens auch, ob das Bild auf der Seite bleiben soll. Barrierefreiheit ist insofern kein Zusatzaufwand, sondern eine Prüfung, die dem eigenen Projekt zugutekommt.
Mira Al-Mansoor
Mira Al-Mansoor berät Betriebe zu Bildrechten, Einwilligung und barrierefreier Bildsprache. Sie übersetzt Paragrafen in Handgriffe, die man sich merken kann. Ihr Ausgangspunkt ist selten das Gesetz, sondern die Frage, wie sich eine Person fühlt, wenn ihr Bild zwei Jahre später in einem Zusammenhang auftaucht, den sie nicht kannte.
„Ein Alt-Text ist kein Versteck für Suchbegriffe. Er beantwortet die Frage, was jemand verpasst, der das Bild gerade nicht sehen kann.“
